Die Evangelische Kirche in Trais-Horloff: 

Ein historisches Juwel in der Wetterau

Gelegen im malerischen Trais-Horloff, einem Ortsteil der Gemeinde Hungen im Landkreis Gießen in Hessen, thront die Evangelische Kirche als zentrales Wahrzeichen des Dorfes. Dieses bescheidene, doch beeindruckende Kirchengebäude verbindet mittelalterliche Wurzeln mit barocker Pracht und moderner Nutzung. Umgeben von einem idyllischen Friedhof, prägt es seit Jahrhunderten das Ortsbild und dient als spiritueller Mittelpunkt für die Gemeinden Trais-Horloff, Inheiden und Utphe. In diesem Artikel tauchen wir in die faszinierende Geschichte, die Architektur und die Besonderheiten dieses hessischen Kulturdenkmals ein – ein Ort, der nicht nur Stein und Mörtel, sondern auch die Seelen der Dorfbewohner widerspiegelt.

Die Geschichte der Kirche reicht weit zurück in die fränkische Zeit. Bereits 778 wird eine Kapelle auf dem Grasser Berg – einem Basaltausläufer des Vogelsbergs – als „ecclesia Hornufa“ urkundlich erwähnt. Der iro-schottische Abt Beatus von Honau schenkte sie seinem Kloster Honau, doch handelt es sich nicht um das heutige Gebäude. Das Dorf Horloff (später Trais-Horloff) taucht 780 im Lorscher Codex als „villa Hornuffa“ auf. Im Jahr 1263 ist ein Pleban und eine Kapelle in Trais-Horloff nachweisbar: Ein schlichter Bau von etwa 6 Metern Breite und 12,50 Metern Länge, der möglicherweise im 11. oder 12. Jahrhundert entstanden war. Kirchlich unterstand sie dem Archidiakonat Wetterau im Erzbistum Mainz und war bereits vor der Reformation eine Pfarrkirche mit den Filialen Inheiden und Utphe.

Mit der Einführung der Reformation nach 1544 wechselte Trais-Horloff zum protestantischen Bekenntnis. Der erste evangelische Pfarrer, Ludwig Mesomylius (auch Mittelmüller genannt), wirkte bis 1585. Ihm folgten Persönlichkeiten wie Johannes Coberus (1585–1599), ein Schüler der Laubacher Lateinschule, und Philipp Pistorius (1599–1608), der zuvor als Lehrer in Laubach tätig war. Diese frühen Pfarrer legten den Grundstein für eine lebendige protestantische Gemeinde, die bis heute Bestand hat. Die Kirche wurde zum Symbol des Wandels und der Kontinuität in einer Zeit religiöser Umbrüche.

Das heutige Erscheinungsbild der Kirche ist das Ergebnis mehrerer Bauphasen. Der Kern der Saalkirche datiert ins 14. Jahrhundert, doch wurde sie immer wieder erweitert und umgestaltet. 1730 erfolgte eine nördliche Erweiterung des Schiffs durch eine Fachwerkwand, ergänzt um einen Dachreiter und neue Emporen sowie Gestühle. Zwischen 1735 und 1740 wurde der Chor zum markanten Chorturm umgebaut – ein Meilenstein, der dem Gebäude seine charakteristische Silhouette verlieh.

Weitere Sanierungen folgten: 1776 kam die Orgelempore mit einer neuen Orgel hinzu. 1822 wurden Süd- und Westwand repariert, und 1869 folgte ein umfassender Umbau der Nordwand (von Holz-Lehm zu massiver Bauweise), der Einbau von Innentreppen und die Trennung von Schiff und Chorraum durch eine Mauer. Die Wiedereinweihung am 24. Oktober 1869 fand in Anwesenheit des Grafen Otto zu Solms-Laubach statt. Das 20. Jahrhundert brachte Herausforderungen: Die Helmhaube des Turms wurde 1903 erneuert, Brände 1921 und 1925 blieben glücklicherweise begrenzt, und ein Blitzschlag 1927 beschädigte Dach und Orgel. 1960/61 folgte eine moderne Innenraumerneuerung mit neuem Altar, Fußboden, Beleuchtung, Gestühl, Heizung und bleiverglasten Fenstern – eine Einweihung, die den Geist der Nachkriegszeit einfing.

Die Kirche gliedert sich in zwei Hauptteile: den mächtigen Chorturm von 1740 und die Saalkirche mit Walmdach. Der annähernd geostete Bau liegt am Westrand des alten Dorfkerns und ist von einem ummauerten Friedhof umgeben. Der rechteckige Saalbau wird durch sechs Stichbogenfenster pro Seite in zwei Ebenen belichtet; seit dem 19. Jahrhundert sind Nord- und Westfenster zweiteilig mit Sandsteingewänden, während die Südseite einteilig bleibt. Älteste Relikte sind ein mittelalterliches Sockelprofil an der Südwand und ein gotisches Fenster in der westlichen Giebelwand.

Der Ostturm auf quadratischem Grundriss ist durch ein Gesims in zwei Geschosse geteilt, mit Eckquaderung und Stichbogenfenstern. Das Obergeschoss öffnet sich durch Schallarkaden mit Uhrzifferblättern; ein geschwungenes Pultdach führt zur zweigeschossigen Schieferhaube mit Turmknopf, Kreuz und Wetterhahn. Im Inneren dominiert eine flache Decke mit Längsunterzügen auf Querbalken, gestützt von sechs achteckigen Holzpfosten. Eine dreiseitige Empore mit kassettierten, bemalten Brüstungen umgibt den Raum. Der Triumphbogen mit auskragenden Kämpfern verbindet Schiff und Chorraum, der durch eine Holzwand abgetrennt ist.

Die Ausstattung atmet barocke Schlichtheit: Eine polygonale Kanzel mit achteckigem Schalldeckel (17./18. Jahrhundert) thront an der Südecke des Triumphbogens, flankiert von einem spätgotischen hölzernen Kruzifix. Der Altar wird von zwei Stühlen mit durchbrochenem Gitterwerk gerahmt, und schlichtes Gestühl lädt zum Mittelgang. Die einmanualige Orgel von 1776 (ursprünglich 13 Register, heute 11 mit ca. 950 Pfeifen) stammt von Johann Andreas Heinemann oder Johann Friedrich Syer und wurde mehrmals restauriert – ihr Prospekt folgt dem mitteldeutschen Normaltyp. Das Dreiergeläut im Turm umfasst Glocken von 1930 und 1954 (Rincker-Gießerei), mit Inschriften wie „Bete und arbeite“ oder „Ehre sei Gott in der Höhe“ – ein Tribut an die Gefallenen beider Weltkriege.

Heute ist die Evangelische Kirche Trais-Horloff ein lebendiger Ort der Begegnung. Als Teil des Dekanats Gießener Land in der Propstei Oberhessen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beherbergt sie regelmäßige Gottesdienste, Konzerte und Gemeindeveranstaltungen. Die Pfarrstelle wird von Pfarrer Martin Möller geleitet, und die Kirchengemeinde umfasst rund 1.200 Mitglieder aus den umliegenden Dörfern. Besucher können die Kirche nicht nur als historisches Monument schätzen, sondern auch als Ort der Reflexion – ergänzt durch Fotos und Beschreibungen auf Plattformen wie Wikimedia Commons, die Aus- und Innenansichten zeigen.

Die Evangelische Kirche in Trais-Horloff ist mehr als ein Gebäude – sie ist ein lebendiges Zeugnis von über 1.200 Jahren christlicher Präsenz in der Region. Von den fränkischen Wurzeln über reformatorische Stürme bis hin zu modernen Erneuerungen verkörpert sie Resilienz und Wandel. Ein Spaziergang um den Friedhof oder ein Besuch im Inneren lohnt sich jederzeit, um die Stille der Geschichte zu spüren. Für alle, die Hessen erkunden möchten, ist Trais-Horloff ein verstecktes Highlight.

Quellen und weiterführende Links:

Wikipedia: Evangelische Kirche (Trais-Horloff)

Offizielle Gemeindeseite: kirchetrais.de

Bilder: Wikimedia Commons